Der perfekte Schneeball

Winter in unserer Gegend bedeutet Regen, trübes Wetter und leider nur selten Schneefall, und das, obwohl die Alpen doch so nahe liegen. Für das herrliche Wetter im Frühling und im Sommer, müssen die Schneeliebhaber in der Region bitter büßen! Das war schon immer so, die globale Erwärmung steuert lediglich ihren Teil dazu bei, und selbst Schneefall im Schwarzwald ist mittlerweile ein Ereignis geworden. Wie gesagt, das war wohl schon immer so, und ich weiß, wie ich als Kind erst sehnsüchtig den Schnee an meinem Geburtstag, Anfang Dezember, erwartet habe und schließlich die Hoffnung bis Weihnachten nicht aufgeben wollte, obwohl ich wusste, dass Frau Holle erst ab Februar, zur Fastnachtszeit, ein Einsehen mit mir hatte.
Das, wovon ich berichten möchte, muss vor Weihnachten geschehen sein, denn ich weiß noch, dass noch keine Ferien waren und ich glaube mich daran zu erinnern, dass die Straßen weihnachtlich geschmückt waren- und es lag Schnee, viel Schnee! Das perfekte Weihnachtsfest stand vor der Tür.
Schon auf der Fahrt in die Stadt, wir wollten wahrscheinlich noch ein paar Weihnachtseinkäufe erledigen, hatte ich den dicken, schweren Flocken aus dem Autofenster zugesehen und eine ungeahnte Freude hatte meinen Körper erfasst. In diesem Moment gab es nichts Wichtigeres, Spannenderes und Schöneres, als dieses Meer der kleinen Individuen.
Sie versuchte mich in ein Gespräch zu verwickeln, aber reden störte nur mein Glück und während ich abwesend antwortete, schweifte mein Blick über das sanfte Weiß, das die Natur bedeckte und den hektischen Morgen ruhig und still werden ließ. Sie gab schließlich auf, und das gleichmäßige surren des Motors begleitete uns bis in das Parkhaus.
Als wir auf die Straße traten, empfing uns das gleißende Weiß und die beißende Kälte. Sie nahm meine Hand in Ihre, doch ein innerer Drang trieb mich von ihr weg. Ich wand meine Hand und griff, und in diesem Augenblick wurde mir das bewusst, beinahe zwanghaft in den Dezimeter hohen, unberührten Schnee. Ich formte einen Schneeball und warf diesen übermütig auf eine vorbeifahrende Straßenbahn. Prompt erntete ich von ihr verärgertes Unverständnis.
Ich kann auch heute, Jahre danach, nicht verstehen, wie jemand so teilnahmslos, emotionslos oder gar ärgerlich auf Schnee reagieren kann. Damals konnte ich das erst recht nicht verstehen. Um weiterem Ärger aus dem Weg zu gehen, bewarf ich nur noch stehende Ziele mit meinen Schneebällen, wie Häuser oder Straßenschilder. Ich muss gestehen, ich bin ein wenig stolz auf meine Wurfkünste. Damals wie heute stellen bewegliche Ziele den höheren Reiz für mich dar, und schon bald wurde es mir zu doof auf Verkehrsschilder, Laternenmasten und Plakate zu werfen. Bei letzterem hatte ich es geschafft, Peter Maffay der sich auf Tour befand, ein ausnahmslos schönes Exemplar von weißer Warze auf die Wange zu werfen.
Ich kam ins Grübeln. An meinen bereits geworfenen Schneebällen hatte ich schon gemerkt, dass sich der Schnee extrem gut eignete um Schneebälle zu formen. Ich hatte jedoch bisher mit nur wenigen Handgriffen, in schneller Folge, meine Bälle geformt und geworfen, was mir nun, bei tieferem Überlegen, als sinnlos und Verschwendung vorkam. Dieser Schnee hatte Besseres verdient.
Wir liefen an einer kleinen Mauer entlang, wie sie oft in Stadtteilen vorkamen, in denen vor einem Jahrhundert sich das Bürgertum seine mondänen Villen erbaut hatte und in denen heute entweder alternde Gesangslehrerinnen oder moderne Architekturbüros residieren.
Ich griff in den Schnee und schon dabei merkte ich, dass ich genau die richtige Menge in meine Hände aufgenommen hatte.
Wer schon einmal einen Schneeball geformt hat weiß, dass man oftmals entweder noch etwas Schnee aufnehmen oder einen Teil von der Rohform wieder abnehmen muss, damit ein anständiger Ball zustande kommen kann.
Nicht so bei mir, in diesem Augenblick. Ich begriff, dass der erste Schritt zu meinem Werk gegangen war und unwillkürlich durchlief mich ein Schauer der Erregung. Mir kam Siegfried in den Sinn, und Balmung und das Wort „schmieden‚Äú. Ja, ich würde meinen Schneeball schmieden!
Heute vermute ich, dass ich damals wohl gerade die Nibelungensage gelesen hatte und betrachte das alte Plakat an der Wand gegenüber meines Schreibtisches ‚Äì es ist ein Museumsplakat, das die Nibelungenausstellung in Karlsruhe bewirbt – und betrachte ich das da angegebene Ausstellungsdatum, so könnte es durchaus sein, das wir diese damals gerade besucht hatten.
Ich presste den Schnee zwischen meinen beiden Händen, nicht zu fest, denn gerade am Anfang kann ein Schneeball unter zu großem Druck brechen. Ich besah den Rohling und bereits jetzt konnte ich erkennen, dass es gut werden würde. Ich formte, ich drehte meine Hände. Ich drückte und ich besah ihn erneut.
Wie gesagt, bei einem Schneeball ist es wichtig, dass weder am Anfang zu großer Druck auf ihn ausgeübt wird, noch am Ende des Prozesses. Man muss den Punkt erkennen, an dem der Schneeball „vereist‚Äú. Zum einen kann man das an seiner Härte spüren, zum anderen aber auch durch seine Farbe. Zeigen sich klare Stellen so darf man unter keinen Umständen weiter pressen. Das gebietet die Schneeballwerferehre, denn wer mit Eisbällen wirft, macht sich bei einer Schneeballschlacht keine Freunde unter seinen Gegnern.
Ich hatte ihn erschaffen! Ich sah, dass er gut war! In meinen Händen hatte ich ihn geformt. Unter dem Druck meiner Handflächen, gleich wie der Diamant im Innern der Erde, hatte ich ihn geschmiedet ‚Äì den perfekten Schneeball!
Ich war stolz und ich war glücklich. Er lag perfekt in meiner Hand. Er war rund, er war edel und das Stürzte mich in ein Dilemma. Solch einen Ball verschwendet man nicht an ein Straßenschild oder einen Laternenpfahl oder einen Baumstamm. Solch ein Ball benötigt ein würdiges Ziel. Und während ich über dieses Problem nachsann, erschien am Horizont ein Junge, der neben seiner Mutter herlief und instinktiv spürte ich, dass er dieses würdige Ziel für meinen Schneeball war. Im selben Augenblick kehrte dieses Kribbeln in meinem Körper zurück, es war aber anders. So müssen sich große Kämpfer vor einer Schlacht gefühlt haben, kurz bevor das Signal zum Angriff gegeben wurde. Achill, Spartakus, Richard Löwenherz, ich!
„Vielleicht‚Äú, so dachte ich, während die beiden näher kamen, „entspannt sich eine wilde Schneeballschlacht, das wäre die Krönung!‚Äú Lässig warf ich meinen Schneeball in die Höhe, als beide noch etwa dreißig Meter von uns entfernt waren, und nachdem ich ihn aufgefangen hatte, blickte ich meinen Gegenüber herausfordernd an. Doch er reagierte nicht, jedenfalls nicht so, wie ich es erwartet hatte. Er kniff, ich sah es ihm deutlich an. Und anstatt sich zu bücken und sich zu bewaffnen, griff er nach der Hand seiner Mutter! Was war denn das für einer? Schlagartig schwang meine Euphorie um in Ärger. Eigentlich war es der Feigling nicht wert, dass er meinen Schneeball abbekommen sollte, aber ich dachte nur: „Friss Schnee!‚Äú Mein Blick verengte sich, ich kniff meine Augen zusammen. Ihm stand das nackte Entsetzen in das Gesicht geschrieben, doch seine Mutter zog ihn unerbittlich, in eisernem Griff, mit sich, mir entgegen. Ha! Er hatte sich selbst in diese ausweglose Situation gebracht, als er memmenhaft nach der Hand seiner Mutter gegriffen hatte.
Ich prüfte, wie der Schneeball in meiner Hand lag und entschloss mich ihn mit drei, nicht mit vier Fingern zu werfen.
Je nach Größe wirft man einen Schneeball mit drei oder vier Fingern, das heißt, zwischen Daumen, Zeige-, Mittel- und eventuell Ringfinger. Nur Flaschen werfen mit allen fünf Fingern!
Feige wie mein Gegenüber war, ich sage nicht Gegner, versuchte er seine Mutter zwischen Sich und der zur erwarteten Flugbahn zu bringen, doch es war zu spät. Ich zielte, atmete aus und warf. Nicht mit voller Wucht, dafür aber mit einer unbeschreibbaren Präzision. Fassungslosigkeit löste in seinem Gesicht das Entsetzen ab, er hatte mir wohl nicht zugetraut, dass ich werfen würde. Mit einer leicht gekrümmten Bahn flog mein perfekter Schneeball unaufhaltsam seinem Ziel entgegen. Noch im Flug konnte ich erkennen, wo er den Jungen treffen würde, wenn nicht im letzten Moment seine Mutter in die Quere kam. Sie hatte aber nichts mitbekommen. Mit einem dumpfen Ton schlug mein Schneeball auf der Jacke des Jungen ein, unterhalb der linken Schulter. Mit Genugtuung konnte ich erkennen, wie der Schneeball auseinander gerissen wurde und seine Trümmer in das Gesicht und den Kragen des Jungen spritzten und ich stellte mir vor, wie der Schnee langsam Schmolz und kalt den Hals und den Rücken hinunter rinnen würde.
Seine Mutter hatte gar nicht so recht mitbekommen was geschehen war, warum ihr Söhnchen sich so abrupt von ihrer Hand löste, als der Schneeball ihn traf. Sie war wohl mit ihren Gedanken etwas abwesend.
Einige Meter weiter entlud sich der Zorn meiner Frau über mir. Was mir denn einfiele, zehnjährige Jungen mit Schneebällen abzuwerfen. Ob ich komplett bescheuert sei? So etwas in der Art warf sie mir an den Kopf. Sie verstand gar nicht, was ich ihr über Schneebälle erzählte, sie wollte es gar nicht verstehen.
Schnee, das begriff ich damals, löst nicht in jedem Erwachsenen solche Gefühle aus, wie bei mir.